Ein bisschen Stress muss sein – Haben wir ein Luxusproblem?

Dem Handelsblatt lag neulich eine Sonderbeilage bei, die gemeinsam mit dem Philosophiemagazin „Hohe Luft“ aus Hamburg entstanden ist. Thema: Was ist gute Arbeit? Die Überschrift ist mir gleich ins Auge gesprungen, habe ich doch gerade einen ziemlich einschneidenden Wandel bezüglich meiner Arbeit erlebt (mehr dazu unten).

Auf der letzten Seite war dort ein Interview mit Holger Jung, ehemaligem Geschäftsführer der Werbeagentur Jung von Matt, abgedruckt. Da er selbst die Arbeit an den Nagel gehängt hat, wurde er dazu befragt, wie es ist, nicht mehr arbeiten zu müssen und wie man Arbeit denn angenehmer gestalten könne. Auf die Aussage des Reporters, dass doch der Druck immer weiter steigen und die Menschen zunehmend unter ihrer Arbeit leiden würde, sagte er etwas sehr Interessantes, das mir zu denken gegeben hat:

„Ich will gar nicht ausschließen, dass das so ist. Es kann aber auch gut sein, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, in der wir uns ganz viel Reflexion leisten können, in der wir sogar, ob wir das wollen oder nicht, in die Reflexion reingeschubst werden. Man geht nach der Arbeit nach Hause, hatte einen schönen Tag und dann liest man abends, dass der Chef einen zu sehr einschränkt, dass es zu viel Stress gibt und so weiter. Da denkt man dann plötzlich: Stimmt ja alles, eigentlich darf ich gar nicht glücklich sein. Eigentlich ist ja alles furchtbar! Die Frage ist, ob wir in unserer Wohlstandsgesellschaft heute nicht ein Luxusproblem bekommen haben. Ich bin mir da nicht sicher.“

(Holger Jung, Gründer von Jung von Matt im Interview mit Dominic Vieken für die Sonderveröffentlichung „Was ist gute Arbeit“ von Handelsblatt und Hohe Luft)

Denken wir zu viel nach? Ist unser ständiges Gemecker über Stress und zu hohe Belastung unbegründet? Sind wir eigentlich zufrieden und lassen uns die Unzufriedenheit nur von anderen einreden?

Arbeit hatte von jeher nie den Sinn und Zweck, den Menschen glücklich zu machen. Man arbeitet, um zu (über)leben. Früher war das noch greifbar, da die Arbeit hauptsächlich darin bestand, als Jäger und Sammler und später als Landwirt für Nahrung zu sorgen. Das war hart und brachte den Menschen an seine körperlichen Grenzen, das Resultat der Arbeit lag jedoch vor einem auf dem Teller. Heute bekommen wir für unsere Arbeit, bei der wir in den meisten Fällen nicht einmal mehr ein greifbares Produkt herstellen, virtuelle Zahlen auf ein Bankkonto überwiesen, die wir mit kleinen Plastikkärtchen wieder ausgeben können. Die Befriedigung, etwas erschaffen zu haben, sein Leben erhalten zu können, bleibt also größtenteils aus.

Auch heute noch gehen wir arbeiten, um „unsere Brötchen zu verdienen“. Oder die Tiefkühlpizza, den Champagner, die Tofuwürstchen… Dass das nicht immer nur grandios ist, liegt in der Natur der Sache. Aber meistens ist es vermutlich wirklich gar nicht so schlimm, wie die Medien uns zurzeit einzureden versuchen. Ich glaube, Arbeit muss nicht immer sinnstiftend sein, um gut zu sein. Und mal ehrlich: So ganz ohne Verpflichtungen und Termine macht das Leben doch auch keinen Sinn.

An die Arbeit! Alle jammern über Stress. Warum?
An die Arbeit! Alle jammern über Stress. Warum?

Ich selbst hatte jetzt über ein Jahr lang einen Job, der mich wenig bis gar nicht gefordert hat und ich muss sagen: Langeweile kann auch sehr anstrengend sein! Sie macht müde, fantasielos und träge. Wie oft habe ich die Kollegen beneidet, die ständig neue Aufgaben bekamen, deren Telefon andauernd klingelte und die sich kaum vor der E-Mail-Flut retten konnten. Die wiederum haben mich beneidet, wenn ich darüber geklagt hab, dass so wenig zu tun sei. „Das würde ich mir auch mal wünschen“ habe ich da öfter gehört. Ich kann es niemandem empfehlen.

Gottseidank habe ich seit dem 1. Oktober einen neuen Job, der spannende Herausforderungen und keine bis Langeweile im Minusbereich verspricht. Ich muss sagen: Das Gefühl, gebraucht zu werden kann ziemlich glücklich machen, auch wenn es mit etwas Stress daherkommt.

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