Buchbesprechung #1: The Circle von Dave Eggers

Hallo Welt,

für 2015 hab ich mir vorgenommen, ab und an auch mal Rezensionen über Bücher zu schreiben, die sich um die Themen Generation Y, Internet/Social Media, gesellschaftlicher Wandel etc. drehen. Heute geht es los mit einem ziemllich kontroversen Ding. Im Nachhinein bin ich mir echt nicht sicher, ob es sich um ein ziemlich schlaues oder ein ziemlich dummes Buch handelt. Aber urteilt lieber selbst…

Worum geht’s?

Stell dir vor, du könntest immer sehen, wo gerade die besten Wellen zum Surfen sind. Stell dir vor, dein Kind könnte niemals entführt und vergewaltigt werden. Stell dir vor, sämtliche Krankheiten würden in deinem Körper entdeckt werden, noch bevor sie richtig ausbrechen.

Stell dir vor, es gäbe keine Geheimnisse mehr. Gar keine. Wäre die Welt dann nicht ein besserer Ort?

Dies ist die Welt, die die allmächtige Internetfirma „The Circle“ in Dave Eggers gleichnamigen Roman erschaffen will. Vollkommene Transparenz führt zu vollkommener Sicherheit, vollkommener Demokratie und vollkommener Verbrechenslosigkeit.

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Zur Handlung

Die 24jährige Mae Holland hat die großartige Möglichkeit bekommen, einen Job bei The Circle anzutreten, einem riesigen Internetkonzern, der wie eine Vereinigung aus Facebook, Google und Apple wirkt und Weltmarktführer sowohl mit dem Sozialen Netzwerk „Zing“ als auch in sämtlichen anderen Hard- und Softwaretechnologien zu sein scheint. Mae ist glückselig, kann sie doch endlich ihre schnarchige Heimatstadt und den langweiligen Job bei den Stadtwerken hinter sich lassen und in eine neue, bessere Arbeitswelt eintreten (bis hierhin hat mich die Geschichte noch sehr an meine eigene erinnert…). The Circle bietet seinen „Circlers“ das volle Work-Life-Balance-Programm: das eigene supermoderne Tablet, kostenloses Mittagessen von Starköchen in zahlreichen Kantinen, Konzerte bekannter Künstler, Workshops, Fitness, Krankenversicherungs- und Vorsorge-Rundumservice, Parties und wer abends keine Lust hat, nach Hause zu fahren, kann in einem der schnieke ausgestatteten Zimmern übernachten.

Mae genießt das unbeschwerte Leben auf dem Campus. Sie trifft viele junge, hochmotivierte Leute kennen, kaum einer älter als 30. The Circle feiert bei jedem Projekt unglaubliche Erfolge – ob es sich um die Erforschung des Marianengrabens, die Zählung der Sandkörner der Sahara, oder das Verhindern von Kidnapping durch Implantation von Chips in die Knochen jeden Kindes handelt. Ihre Arbeit in der „Customer Experience“ ist zunächst sehr einfach, muss sie doch nur Kundenanfragen und -beschwerden mit vorgefertigten Textbausteinen beantworten. Die Kundenzufriedenheit wird sofort abgefragt und ihr angezeigt. Ständiges Ziel: 100 %.

Doch schon bald bleibt es nicht bei dem einen Bildschirm am Schreibtisch in dem hypermodernen Glasbau: Ein zweiter für die Kommunikation mit den Vorgesetzten wird an ihrem Arbeitsplatz angebracht, ein dritter für das ständige Online-Sein in den sozialen Netzwerken. Es folgen ein vierter, ein fünfter, bis Mae am Ende des Buches neun Bildschirmen gegenübersitzt.

Doch dies ist nur ein kleiner Aspekt, der verdeutlicht, wie ihr Leben von „The Circle“ vereinnahmt wird. Sie bekommt ein Armband, das Schritte, Herzfrequenz und noch vieles mehr misst und auswertet. Reagiert sie einmal nicht auf einen der hunderten von Posts und Nachrichten, rächt sich das sofort (durch Kollegen, die beleidigt sind, dass sie nicht zu einem Vortrag, einer Party o.ä. erschienen ist).

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Mae versucht, mit all den Anforderungen, die an sie gestellt werden, mitzuhalten, da sie sich die Chance, bei The Circle zu arbeiten, nicht verspielen will. Als sie sich eines Nachts nach einem Besuch ihrer Eltern heimlich in der Bucht ein nicht zum Bootsverleih zurückgebrachtes Kayak schnappt und die Stille auf dem Wasser genießt, löst dies allerdings beinah die große Katastrophe aus: Die kleinen „SeeChange“-Kameras von The Circle, die überall ganz einfach angebracht werden können (um beispielsweise zu sehen, ob die Wellen gerade zum Surfen geeignet sind aber auch, um Verbrecher aufzuspüren), waren natürlich auch an diesem Strand installiert. Sie wird festgenommen und vom Circle-Vorstand zur Rede gestellt. Die Moral von der Geschicht: Hätte sie gewusst, dass sie beobachtet wird, hätte sie dieses „Verbrechen“ nicht begangen. Wäre es dann nicht besser, wenn die ganze Welt überwacht werden würde? Würde überhaupt noch jemand ein Verbrechen begehen?

Die Konsequenz: Mae wird „transparent“. Sie trägt eine Kamera um den Hals, die alle ihre Bewegungen, Handlungen und Begegnungen live ins Internet überträgt. Bald schon folgen ihr Tausende, zum Teil sogar Millionen Zuschauer durch ihren Alltag bei The Circle und ihr Privatleben, das kaum noch existiert. Sie wird zu einer Art Circle-Botschafterin und propagiert folgende drei Grundsätze (ich hab das Buch auf Englisch gelesen, daher in Englisch):

The Circle-Grundsätze

Am Ende gibt es noch eine wilde Verfolgungsjagd: Ihr Ex-Freund Mercer, der die ganze Zeit skeptisch gegenüber der kompletten Vernetzung und Offenlegung war, hat sich alleine in den Wald zurückgezogen, um der Überwachung zu entkommen. Eine neue „Erfindung“ von The Circle soll es mithilfe aller vernetzter Menschen ermöglichen, jeden, wirklich jeden Menschen auf der Welt innerhalb von 10 Minuten aufzuspüren. Zunächst wird eine Kindesmörderin in Großbritanien gefunden. Als nächstes schlägt Mae bei dem großen Einführungs-Event Mercer vor – einfach, um ihm zu beweisen, dass The Circle alles gelingt. Dass er wirklich nicht gefunden werden will und sich am Ende samt Auto von einer Brücke stürzt, konnte ja niemand wissen…

Mein Eindruck

Oft wurde das Buch mit George Orwells „1984“ verglichen. Ja, auch „The Circle“ dreht sich um die komplette Überwachung. Doch nicht in einer fernen Zukunft mit anderer Weltordnung und fremden, erfunden Technologien, sondern in einer Zukunft, die greifbar nah scheint, mit Technologien, die wir bereits heute nutzen.

Big Brother is watching you.
Big Brother is watching you.

Was beide Bücher zudem unterscheidet: Die Überwachung wird bei The Circle nicht „von oben“ diktiert, sondern die Menschen lassen sich freiwillig überwachen und geben alles von sich Preis – zum Beispiel werden viele Politiker wie Mae „transparent“, um zu beweisen, dass sie wirkllich ehrlich und im Auftrag der Demokratie unterwegs sind und keine falschen Seilschaften knüpfen (quasi das Aus für Francis Underwood ;-D ).

Was mich irritiert hat

Mae kommen zu keinem Zeitpunkt der Geschichte Zweifel an der ganzen Sache auf. Weder, as ihr Ex-Freund auf sie einredet (ok, den findet sie mittlerweile auch ziemlich doof – wer hört schließlich schon auf seinen Ex…) noch als ihre Eltern komplett den Kontakt zu ihr abbrechen. Auch als der geheimnisvolle, in keinem der Netzwerke auffindbare Kalden, mit dem sie eine heiße Affäre eingeht, sie bittet, dem Spuk ein Ende zu setzen, bricht sie lieber den Kontakt ab.

Das Buch konstruiert eine ziemlich reale Zukunftsvision und will anscheinend auch davor warnen, doch es bietet an keiner Stelle Gegenargumente gegen die totale Überwachung und Bekämpfung der Privatsphäre…

Mein Fazit

Wäre die Welt vielleicht wirklich besser, wenn es keine Geheimnisse, keine Privatsphäre mehr geben würde? Wenn Menschen nicht mehr lügen, nicht mehr fremdgehen, nicht mehr betrügen könnten? Wenn man alles wissen, alles sehen könnte? Wie ist das zum Beispiel mit dem Sex? – „Das wäre am Anfang komisch, doch irgendwann würde man sich auch daran gewöhnen“, meint der Vorstand von The Circle. Hm… wirklich komische Vorstellung.

Was ist der Sinn von Privatsphäre? Diese Frage habe ich mir permanent gestellt, als ich dieses Buch gelesen habe. Schließlich ist die Debatte um Datenschutz momentan noch in vollem Gange. Zu einer befriedigenden Antwort bin ich auch nach vielem Nachdenken nicht gekommen. Einerseits habe ich nichts zu verheimlichen und veröffentliche ja auch freiwillig so einiges von mir im Netz, andererseits würde die komplette Abwesenheit von Privatsphäre ein merkwürdiges Gefühl in mir auslösen.

Insgesamt ist The Circle ein ziemlich spannendes Buch, das mich sehr in seinen Bann gezogen hat,  dessen Story im Nachhinein jedoch ein wenig „flach“ erscheint. Ich hätte mir von Mae ein bisschen mehr Pro-und-Contra-Gedanken gewünscht. Was sind die Konsequenzen der permanenten Überwachung? Natürlich verhalten wir uns anders, wenn wir beobachtet werden. Soziologisch gesehen wäre das also eine spannende Entwicklung. Doch auch ökonomisch wäre das Thema interessant: Im Buch wird nirgends erwähnt, wie The Circle die Massen an Geld verdient, mit denen sie diesen riesigen Konzern unterhalten und ihren Mitarbeitern die ganzen Annehmlichkeiten bieten können. Die Internetfirmen von heute sind scharf auf unsere Daten, „nur“ um uns mehr oder weniger personalisierte Werbung zukommen zu lassen. Doch was werden die Internetfirmen von morgen damit tun…?

Was denkt ihr darüber? Wieso brauchen wir Menschen Geheimnisse und Privatsphäre? Wäre eine absolut sichere Welt ohne Verbrechen nicht mehr wert? Hat jemand von Euch das Buch gelesen und denkt genauso – oder ganz anders – darüber?

Ich freue mich auf eure Kommentare!

Eure Christiane

 

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Buchbesprechung #1: The Circle von Dave Eggers

3 Gedanken zu “Buchbesprechung #1: The Circle von Dave Eggers

  1. mein freund hat das buch gelesen, und war anfangs recht begeistert, das ende fand er dann ziemlich doof – mal schauen ob ich es auch noch lese….ich denke, solche visionen, die eine extremsituation darstellen regen gut zum nachdenken und reflektieren an – aber trotzdem kann man auch immer wieder sagen, egal bei welchem thema: die extreme tut der menschheit nicht gut. Transparenz ja – aber total-Überwachung Nein, den goldenen Mittelweg zu finden ist halt auch immer nicht so einfach 😉 lg

  2. Sehr schöne Besprechung 🙂 Ich bin mir noch sehr unschlüssig, ob ich „The Circle“ lesen will, Herr Eggers und ich wir hatten so unsere Schwierigkeiten. Aber you never know.

    Freue mich auf jeden Fall über weitere Rezensionen !

  3. valentina schreibt:

    Grundsätzlich gebe ich dir absolut recht – „pro und contra“ fehlt bei der Protagonistin komplett. Dadurch wird sie zum einseitigem Charakter, der damit automatisch unglaubwürdig wirkt. Vielmehr ist sie eine Art Projektionsfläche, um exemplarisch die Entwicklung zu zeigen… Aber trotzdem ist das in sich literarisch schwach.

    Schwach sind auch die Formulierungen und an sich die literarische Qualität (schlechter kann man Sexszenen wirklich nicht beschreiben…).

    Ich find das Buch auch an sich unglaubwürdig – wo sind die kritischen Geister (außer dem Ex-Freund), wo ist die Masse, die sich abgrenzt, Dinge kritisch sieht, rebelliert?
    Auch das ist letztendlich einseitig und damit unglaubwürdig.

    So, jetzt hab‘ ich die negativen Sachen gleich mal rausgehauen, natürlich gibt es auch zahlreiche gute Dinge.
    Ich finde das Buch zeichnet eine erschreckende Welt, weil sie so real ist. Wie du schon gesagt hast, was Georg Orwell gemacht hat, war als Fiktion gedacht, „The Circle“ liest sich oft wie ein Protokoll aus dem Silicon Valley.
    Aufällig fand ich die Unternehmenskultur von „The Circle“. Pools und kostenlose Krankenversicherungen und die Gründer tragen Hoodies und sind allgemein cool. Erinnert mich sofort an einen Mark Zuckerberg. Diese Unternehmensführung vereinnahmt den Mitarbeiter aber auch mehr und mehr (gut dargestellt im Buch), lässt Privates und Dienstliches vermischen und ist meiner Meinung nach eine gefährliche Entwicklung.

    Auch die Begeisterung, die Innovationskraft, diese Einstellung „Wir können die Welt verändern“ ist gut sichtbar in „The Circle“. Man muss sich nur die Leute anschauen, die vor Apple Stores campen um das neue Iphone zu kaufen. Diese zweifelhafte Begeisterung wird in „The Circle“ bestens dargestellt.

    Um noch auf deine Frage zu antworten: Wofür braucht man Privatsphäre?
    Um ehrlich zu sein finde ich die Frage an sich schon bedenklich, aber gut, Fragen ist ja eigentlich immer gut 😀

    Privatsphäre ist ein Grundrecht, ein Menschenrecht. Das steht schon mal für sich selbst.

    Privatsphäre ist die Grundlage um sich als Mensch entwickeln zu können, die Basis von persönlicher Freiheit (und Freiheit stirbt durch Sicherheit, ganz klar).
    Ich möchte als Mensch Dinge machen, die nicht analysiert werden und von großen Firmen verwendet werden. Ich hab als Mensch das Recht, allein sein zu wollen (ohne gefilmt zu werden). Ich habe als Mensch das Recht Fantasien zu haben, zu leben oder wie auch immer, ganz gleich ob sie gut sind oder schlecht. Und ich habe als Mensch das Recht Geheimnisse zu haben und damit auch die Grundsteine meiner eigenen Persönlichkeit zu legen.
    Ohne Privatsphäre keine persönliche Freiheit und damit schlichtweg kein demokratisches System mehr. Und daran anschließend muss man sich fragen: Wenn Privatsphäre wie in „the circle“ nicht mehr existiert, wer ist denn dafür verantwortlich?
    Ein privater Konzern, dessen Geld und Machtstellung auf der Aufgabe meiner Freiheit basiert.
    Klingt zwar alles sehr pathetisch, ist aber wahr und erschreckend real.

    Danke für die gute Zusammenfassung! 🙂

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